Mit einer guten Freundin auszugehen, ist nichts Ungewöhnliches. Mit Kolleginnen von der Arbeit tut man das allerdings weniger häufig. Worüber soll man außerhalb der Arbeit reden, unterhält man sich über private Themen? Man macht sich unentwegt Gedanken, worüber man sprechen wird und wie die Feierabsichten des Gegenübers aussehen. Schließlich ist man ja doch nicht ganz privat, sondern immer noch ein bisschen auf der Arbeit. Und da benimmt man sich für gewöhnlich anders und das aus gutem Grund.
Aber probieren geht schließlich über studieren!
Und so traf und freute ich mich neben all den Bedenken, es könnte irgendwie komisch werden, auf das Treffen. Eine positive Denkweise, die auch gleich belohnt werden soll. Denn als es soweit ist, überrascht sie mich mit einem Piccolöchen, mit dem wir auf einen tollen Abend anstoßen. Kurzer Smalltalk über die Arbeit wird durch das Eintreffen im Club abgelöst. Das Eintreten löst das Gefühl in mir aus, ich würde mich in einer Makeover-Show wiederfinden. Alle Blicke fielen auf uns und sogar die Musik lief wie in diesen Shows. Doch da kam die Erinnerung: „Aufwachen! In einem Club spielen die für gwöhnlich Musik!“ Ja, das hatte ich wohl für einen Moment verdrängt. Die viel zu hohe Hacken wieder auf den Boden gesetzt, schreiten wir weiter durch den Raum und fallen in lautes Gelächter über die dummen Gesichter einiger Männer. Vor dem Buffet machen wir zum ersten Mal halt und beladen uns einen Teller mit Köstlichkeiten, wie sie uns im Dunkeln erscheinen. Lässig an einen Tisch gelehnt, kommen die ersten zwei Herren zu uns herüber und bieten uns „nen ordentlichesch Bier“ bei sich am Tisch an. Die übrige Mannschaft in ihren reizenden Lederhosen gibt uns ebenfalls zu verstehen, dass wir mehr als erwünscht sind. Noch mit dem Kauen beschäftigt, versuche ich zu erklären, dass Multitasking nicht so mein Ding wäre. Essen und trinken, das geht ja auf gar keinen Fall, vielleicht kommen wir später mal vorbei. Die beiden wollen plötzlich nicht mehr, denn später scheint für sie keine Lösung zu sein. Also stapfen sie davon.
Als nach und nach das Buffet abgebaut wird, strömen die ersten tanzenden Gestalten auf die Fläche. Wir genehmigen uns jetzt ein Bier, auch ohne Männer. Wir sind nämlich schon alt genug und können es uns leisten. Nach einigem Beobachten der Meute und erste privaten Gesprächen folgen wir der Musik auf die Tanzfläche. Ich stelle fest, dass meine Begleitung es ebenso genießt wie ich, sich im Rhythmus zu wiegen. Nein, noch mehr. Sie schwebt wie eine Göttin über die Tanzfläche mit erhobenem Haupt, das sich in den Nacken lehnt, als warte sie auf einen Champagnerregen. Denn richtigen Regen konnte sie an diesem Ort wohl kaum erwarten. Stattdessen passiert aber etwas anderes und unterbricht sie in ihrem vergnügten Tanz. Mr. Multi-Falte drängt sich von der Seite auf. Als sie versucht ihn zu ignorieren, wird er umso penetranter und versucht sie anzutanzen. Im nächsten Moment spüre ich, wie mich ihre Hand aus der Menge zieht. Sie hat genug davon und braucht jetzt erstmal eine Kippe. Also gehen wir raus und ziehen einmal um den Block und trotzdem die frische Luft wie eine Sauerstoffkur wirkt, stelle ich fest, dass es recht kühl geworden ist. Ich lasse mir jedoch nichts anmerken, als eine Gänsehaut sich breit macht. Wir schnorren flüchtig eine Zigarette bei einem Angestellten der Jazzbar nebenan und reden über dies und das, sodass ich sogar meine Gänsehaut vergesse. Ich erfahre plötzlich sehr viele private und persönliche Dinge: Wie lang die letzte Beziehung war, wann sie scheiterte, woran und was jetzt auf dem Plan stand. Hatte ich danach gefragt? Ich glaube kaum, aber ausgeladen hatte ich solche Themen auch nicht, weil sie mich grundsätzlich interessieren. Ohne jede Resistenz von meiner Seite unterhalten wir uns plötzlich über sexuelle Erfahrungen, die sie schon gemacht hat. Ich bin wie gefesselt von ihrer unverblümten Art und denke mir, dass wir vielleicht manchmal zu prüde mit dem Thema Sexualität umgehen. Macht doch sowieso jeder Erwachsene. Warum wird diese Schublade nur immer mit einem Hochsicherheitsschloss versehen?
Als wir wieder am Club ankommen, hat sie mir bereits von ihrer These über bisexuelle Triebe, die jeder mindestens im Unterbewusstsein besitzen soll, erzählt. Ich reagiere darauf recht spartanisch und unsicher mit einem „hmm, darüber hab ich mir wohl noch nie so richtig Gedanken gemacht“. Im nächsten Moment bin ich froh, diesen intimen Geständnissen auf der Tanzfläche wieder zu entkommen. Dieselben Typen wieder um uns herum stören mich nun nicht mehr und ich tanze nur noch mit und zur Musik. Als ich meine Augen wieder öffne, sehe ich, wie sich Mr. Multi-Falte wieder an meine Begleitung oder sollte ich nun Freundin sagen, ranmacht. Kurze Zeit später springt ein Drink für uns beide heraus. Wir stoßen an und ohne, dass ich mitbekomme, worum es sich handelt, läuft mir auch schon meine schlimmste Erinnerung den Hals herunter. Als ich äußerst dringend nach einer Mundspüllösung suche, steht Mr. Misterious vor mir und ich frage mich wie er eigentlich hier herkommt. Sind in diesem Laden nicht sonst nur solche überalteten Machoprolls wie Mr. Multi-Falte? Wo kommt dieses Etwas mit dem tiefgründigen Blick her? Ich blicke mich um, als suche ich nach Hinweisen zu seiner Herkunft, aber alles was ich finde, ist meine Freundin mit irgendeinem Typen, der anscheinend zu Mr. Mysterious gehört. Ein Freund? Nein, das kann doch wohl nicht wahr sein, denk ich mir. Viel Zeit bleibt allerdings nicht und ich finde mich in der Babysitterposition wieder. Mit dem richtigen Abstand und einem aufgesetzten Lächeln tanze ich so vor mich her und hoffe, dass meine Freundin sobald ihr Interesse an diesem Typen verliert und mich erlöst. Leider wurde ich nicht erhört und fange an mich mit Mr. Mysterious auf der Tanzfläche zu unterhalten. Schwerer Fehler. Erstens: Man heuchelt Interesse. Zweitens: Es kostet mehr Anstrengungen als einfach seine Klappe zu halten. Gefangen in einer Situation, für die ich noch selbst mit verantwortlich war, musste ich jetzt eine geraume Zeit überstehen. Neben uns fehlte nicht mehr viel zu einem Lapdance. Ich hob die gelbe Karte und gab zu verstehen, dass ich mehr als nur eine Pause brauche. Als wir kurz rausgehen wollen, folgt man uns auf Schritt und Tritt. „Ihr wollt doch wohl nicht einfach abhauen.“ Jungs, ja das seid ihr wirklich noch, wenn ihr solche schlimmen Befürchtungen habt. Die Ironie ist kaum überhörbar und sie gehen wieder rein. Ein kurzer Moment der Ruhe lässt mich aufatmen und gar nicht mitbekommen wie meine Freundin sich währenddessen an das nah stehende Auto lehnt und mich zu sich ruft. Sie fragt mich, wie es mir geht, ob alles klar wäre und ich bestätige ihr, dass alles passt. Im nächsten Augenblick fange ich ihren sexy Vamp-Blick auf und erwarte, dass sie mir mitteilt, was sie von diesem Typen auf der Tanzfläche hält. Anders als erwartet, schenkt sie diesem Thema kaum Beachtung. Stattdessen schaut sie mich weiter an und meint schließlich: „Du siehst so verdammt heiß aus.“ Die Katze fängt an zu miauen. Sie nimmt meine Hand und zieht mich zu sich heran…
Mit einem Ruck wache ich auf und frage mich, was da eigentlich gerade passiert ist.